Brief an den Kaiser

Im Mai 1918, während des ersten Weltkriegs, wandte sich meine Ururgroßmutter mit einer Bitte an den Kaiser. Sie bewahrte eine Kopie ihres Briefes auf, zusammen mit anderen wichtigen Unterlagen. Er ist ein trauriges Zeugnis der Kriegszeit:

Elberfeld, den 14. Mai 1918.

Allerdurchlauchtigster Großmächtigster
Kaiser u. König
Allergnädigster Kaiser u. Herr.
Bittgesuch.

Unterzeichnete bittet seine Majistät um Wirt-
schaftlichen Schutz und Hilfe. Mein Mann starb
während des Krieges, und ebenfalls fielen 2 meiner
Söhne für Kaiser und Reich auf dem Schlachtfelde, mein Einziger Sohn, welcher noch lebt, wurde ebenfalls
beim Militär eingezogen. Ich selbst, 62 Jahre alt
und schwach, habe 35 Morgen Land und keine
Arbeiter; im vorigen Sommer wurde mir von der
Militärverwaltung ein Mann komandirt, wo-
mit ich sehr trübe Erfahrung machte und da ich
außerstande war alles hochzuhalten, so hatte ich
Unglück, daß ich mein Pferd abschlachten mußte.

Ein auf vergilbtem Papier erhaltener Text in Kurrentschrift.
erste Seite des Briefes, geschrieben in Kurrentschrift

Mehrmals ging ich an die hiesige Behörde mit
der Bitte heran, sorgen zu wollen, daß mein
Einzigster Sohn vom Militärdienst sollte befreit
werden, das aber bis heute nicht geschah.
Ich hoffe daß wir durch unsere Landwirtschaft eben-
falls unserm Vaterland so dienen, wie jeder
Mann im Schützengraben. Ich bedaure, daß mir
alleinstehenden Witwe von der hiesigen Behörde
nicht geholfen wird, und ich aber in meiner Not,
vor dem wirtschaftlichen Untergang mich an
Seine Majestät
wenden muß, um meinem Sohn für nach dem
Kriege seine Heimatliche Scholle zu erhalten.

Ein auf vergilbtem Papier erhaltener Text in Kurrentschrift.
zweite Seite des Briefes

Wie schwer und tief mein Herz zerüttet ist, durch den
Tod meines lieben Mannes, und meinen innigst
geliebten Söhnen, welche ohne Furcht und Zittern
ihr blühendes Leben geopfert haben, für Kaiser
und Reich, für Haus und Herd, wird jeder Vater
und Mutter wohl erkennen, und bitte um
vorläufige Befreiung meines Sohnes
Ferdinand Jöckel 1. Matrosen Div. 2. Zweig Comp
Hansa Schule in Kiel.

Der gnädige Herr wolle Erbarmen und Gnade
walten lassen, um mich vor dem Unter-
gang zu schützen. Nochmals bedaure ich von
Herzen, daß ich mich mit der Bitte an mei-
nen Herr u. Kaiser nähern muß und
bitte untertänigst um Verzeihung.

Gott erhalte uns den Kaiser
Gott verleihe uns den Sieg
[Gott hilft sicher Siegreich] weiter
Gott helfe uns wir bitten dich!

Frau Ww. Jöckel
in Buchholz b/Westhofen
in Westfalen.

Soweit mir bekannt ist, gab es nie eine Antwort auf diesen Brief. Der Krieg war glücklicherweise ein halbes Jahr später vorbei, und der letzte Sohn – mein Urgroßvater – hat überlebt. Trotz dieser schweren Zeit konnte der Bauernhof weitergeführt werden.